Nun, ich wohne nicht unter der Brücke und muss mich auch in keinem horizontalen Gewerbe behaupten. Danke dennoch der besorgten Nachfrage.
Nach 2 Nächten im Hotel habe ich noch am Montagabend gegen 21.00 einen Anruf erhalten, wonach ich gefragt wurde, ob ich immer noch ein Zimmer suche und ob ich denn schnell vorbeikommen würde. Natürlich ging ich, irgendwie hatte ich auch keine andere Wahl.
Die Wohnung befand sich in Solna, eine Gemeinde wie sie etwa Marly ist, gut erschlossen und dennoch ein bisschen ausserhalb des Stadtzentrums und entsprechend gibt es (sehr) viele Arbeiter die jeden morgen von dort aus in die weite Welt hinauspendeln. Ich nehme es gleich vorweg, ich bin jetzt auch einer von denen.
Es begrüssten mich 2 junge (23 und 24) Studenten, namens Nurik und Ulan, beide aus Kirgisistan und wirklich cool drauf. Bereits am Dienstag konnte ich dann einziehen und nachdem ich durch Wikipedia zum kirgisischen Insider wurde, wusste ich auch, dass ich ab sofort mit einer Wahrscheinlichkeit von 70% mit Muslimen zusammenleben werde, oder das meine Zimmergenossen in ihrem Land nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 4% in der Nähe eines Waldes leben. Der Schinken und das Bier, welches gleich am ersten Abend als Willkommensessen serviert wurden, liessen mich zwar kurzzeitig von der Idee abkommen, dass ich es hier mit muslimisch Gläubigen zu tun hatte, doch versicherten die zwei lustigen Kerle mir, dass sie sehr wohl muslimisch seien, nur mit dem "gläubig" happere es ein bisschen. Schwein gehabt, kann man da nur sagen und das meine ich ausschliesslich wortwörtlich.
Mein Zimmer dort ist eigentlich das Wohnzimmer, wobei es nur durch eine Sichtwand von der Küche getrennt ist. So kommt es vor, dass mich der Kühlschrank in den Schlaf summt oder der übriggebliebene Geruch aus der Steak-Pfanne mich mit Düften aus den Untiefen der kirgisischen Kochkunst umnebelt, währenddem ich im Bett liege. Mmmmmhm, sag ich da nur, und bedauere es ein bisschen, dass ich nicht mit Paul Bocuse zusammenlebe. Nurik und Ulan schlafen dann im eigentlichen Zimmer in einer Art Doppelbett, so wie sie's seit 3 Jahren täten. Grmbl, möchte man da sagen, doch auch hier gibt es ein klares Statement: "Weisst Du", meinte Nurik noch am gleichen Abend zu mir, "seit 3 Jahren teilen wir uns alles, bis auf die Girls. Nur dass Du's weisst." In dieser Hinsicht wurde mir auch klar, wieso sie noch einen 3. Mitbewohner für eine 2-Zimmer-Wohnung suchten. Mit meiner Miete von rund 3'000:- wage ich zu behaupten, dass ich wohl 60% bis 70% der Kosten der Miete übernehme, haben die Zwei wohl nicht wirklich ausreichend Geld im teuren Schweden.
Dennoch, es passt. Zehnmal besser als bei der Hexe, weil ich jetzt waschen kann, wann ich will, weil ich trotz den 60% rund 1000:- weniger Miete bezahle als vorher, weil die Leute umgänglich und für gemeinsames Kochen zu haben sind, weil der Mietvertrag über einen Handschlag ging. Ich darf also positiv gespannt sein, wie das noch weitergeht mit meinen WG-Gspänli.
Im Job war dies einmal mehr eine Hammerwoche. Während ich am Montag noch in erster Linie mit Wohnungssuche beschäftigt war, war ich am Dienstag bereits an einem Kurzmeeting mit dem Handelschef der Botschaft. Ein Storecheck für Schweden ist das Projekt und dies wird mich die nächsten paar Tage noch weiter beschäftigen. Am Mittwochnachmittag kam eine Schwedische Schulklasse in die Botschaft und ich habe ihnen (auf Deutsch, da sie Deutsch lernen sollen) die Schweizer Sportlandschaft näher gebracht. Natürlich durften da Östlund, Rhodin oder auch Karlberg nicht fehlen, umgekehrt berichtete ich ihnen über Martin Plüss bei Frölunda, oder Katrin Lehmann, die Ausnahmeathletin bei Solna und Hammarby.
Später am Abend war ich dann gegen 17 Uhr im Europäischen Radiostudio. Für den Tag der Sprachen im September wurden Aufzeichnungen der verschiedenen Sprachen gemacht, unter anderem auch Schweizerdeutsch. Zusammen mit der Tochter des Botschaftrates, welche vornehmlich Züridütsch spricht, haben wir dann einen (leider vorgegebenen) Dialog geführt. Leider deshalb, weil ich nur zu gern einmal "úfe häppereblätz ga chnüddere verfúngge"" über den Schwedischen Äter gesendet hätte. Aber naja, was will man machen, lustig hat sich die Züridüütsch-Frybürgertütsch-Kombo dennoch angehört.
Noch später an diesem hektischen Mittwoch war dann ein Abendessen, organisiert von Schweiz Tourismus und Wallis Tourismus. Eingeladen waren vor allem Key Account Kunden aus Schweden (also Tourimus-Büros, Journalisten) und diese liessen sich über die neusten Sachen von Saas Fee, Zermatt, Verbier, Leukerbad etc. informieren, wobei es sehr locker und vor allem informell zu und her ging. Diese Gelassenheit der Tourismus-Leute hat mich stark beeindruckt und ich habe nun ein paar sehr grosszügige Angebote, mal nach Zermatt oder Saas Fee zu gehen. Hört sich doch gut an, oder?
Nach dem leicht durchzechten Mittwochabend nahm mich der Botschaftsrat am Donnerstag mit ins Schwedische Aussenministerium, wo eine Vorinformation zur Irak-Konferenz, welche ende Mai stattfinden wird, abgehalten wurde. Lustig war da, als eine Person in breitem US-Slang eine Frage stellte, dann aber ihr Herkunftsland nicht preisgeben wollte. Ich glaube, selbst in einem Stummfilm hätte man sie eindeutig als Amerikanerin erkannt, aber was solls, Hauptsache sie konnte ein bisschen Paranoia verbreiten.
Am Abend zeigte dann unsere Schweizerische Botschaft am französischen Filmfestival hier in Stockholm einen Film aus Genf / Lausanne (Comme des Voleurs), wo es um einen identitätssuchenden, homosexuellen Lausanner geht, der mit seiner Schwester nach Polen reist, um dort die Lücke in der Familiengeschichte zu stopfen. Ein guter Film, fand ich, ziemlich witzig, wenn auch nicht typisch Schweiz. Musste er aber auch nicht sein!
Heute Abend ist in Stockholm ein "Event auf Einladung" der Österreicher (Innsbruck & Tirol) mitten in der Stadt, mit viel Pomp wurde das angekündigt. Mal schauen. Morgen gehe ich nun nach Malmö, erneut für Schweiz Tourismus und verbinde meinen Aufenthalt, Lund und ev. Kopenhagen zu besuchen. Eine Reise zurück in meine Erasmusstadt, seit langem wieder einmal. Ich bin gespannt.
Wie ein paar von euch wissen, werde ich hier oben ja nicht bezahlt. Doch die vielen Anlässe, die neuen Bekanntschaften, Erlebnisse, die vielen feinen Essen und der tiefe Einblick in die diplomatischen Arbeiten sind Lohn genug. Es ist zwar immer viel Arbeit, aber es ist schliesslich und endlich auch ein grosses Privileg.
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