Nun, klar dauert es immer ein bisschen, bis ich was schreibe! Grund dafür ist einerseits die Muse, die mich nicht jeden Tag zu küssen pflegt, andererseits geschieht auch nicht immer so viel, dass es für einen ganzen Eintrag reicht. Kann aber auch sein, dass ich mich schon dermassen gut eingelebt habe, dass ich vieles nicht mehr als Speziell oder Nennenswert betrachte.
Wie im vorherigen Post bereits beschrieben, lebe ich jetzt in einer Wohnung in Solna, zusammen mit zwei Kirgisen, Nurik und Ulan. Eigentlich, wenn ich es mir genau überlege, ist es gar keine Wohnung sondern eher eine Jurte, also diese traditionelle Behausung in West- und Zentralasien. Zwar ist die Wohnung nicht aus Stroh und Lehm, aber der Platz ist durchaus beschränkt und würde man Päddu Stirnimann fragen, dann schläft es sich auch gar nicht so schlecht auf dem Boden. Auch sonst ist es eine Jurte. Nebst den bereits angesprochenen kulinarischen Fähigkeiten meiner Zimmergenossen kommt es auch gerne mal vor, dass man gemeinsam vor dem Fernseher sitzt, auf dem Boden natürlich, weil es Stühle keine gibt. Wie es in einer Jurte üblich ist, wird auch immer zu viel gekocht, um eventuelle Gäste gleich mitverpflegen zu können. Wenn ich dann spätabends nach Hause komme und eigentlich keinen Hunger mehr habe, weil schon gegessen, wird mir unter stiller Androhung des Freundschaftsentzugs dennoch ein Teller hingestellt und gleich darüber hinaus noch ein Glas, oder besser gesagt ein Becher kirgisischer Cognac eingeschenkt. Das nenn ich dann nicht mehr Gastfreundschaft, sondern Mastbetrieb, aber es ist ja nur gut gemeint und ich lerne einiges über die Kultur der Zentralasiaten und Nurik, der eigentliche Chefunterhändler bei uns im Haushalt, meinte auch mal beiläufig, dass ich mich in der kirgisischen Kultur fast sicher gut zurecht finden und es mir dort bestimmt gefallen würde. Nur ein Schelm behauptet jetzt, dass die nachfolgend erwähnte jüngere Schwester von ihm nicht rein zufällig genannt wurde. Ihr könnt also beruhigt feststellen, dass man sich um mich sorgt.
Die letzten zwei Weekends waren immer mit Besuch aus der Schweiz ausgefüllt und ich glaube, dass die eine oder andere Stockholmer Bar, das eine oder andere Stockholmer Restaurant, ein paar gute Zahlen ende Monat ausweisen wird. Sowieso ist das Nachtleben hier im hohen Norden eine relativ teure Angelegenheit, mit 10.- pro Bier oder 35.- für ein Long Island Icetea muss das Bankkonto erdbebensicher und prall gefüllt in der Schweiz schlummern. Wenn auch meine Raiffeisenbank in Wünnewil auf sicherem Boden steht und kaum die Gefahr einer akuten Schüttelattacke zu befürchten ist, so happert es dennoch mit dem "prall gefüllt sein". Nurik, umsichtig wie er ist, hat mir bereits angeboten, ein gutes Wort bei seiner Arbeitgeberin einzulegen, damit auch ich die Morgenzeitungen von 01.00 in der früh bis um 04.00 verteilen darf. Dankend habe ich abgelehnt und freue mich auf den ersten grossen Lohn ende Juli.
Ganz zum Schluss des letzten Eintrags habe ich ja auch noch angetönt, dass ich mit dem Anlass in Malmö noch meine alte Universitätsstadt in Lund besuchen wollte. Das habe ich auch gemacht und es war bei 25° C im Schatten ein helles Vergnügen. Leider hat es für Copenhagen nicht mehr gereicht, aber ich war ja schon da und werde dann ein andermal wieder dort zu Besuch sein. Wenn man so viel auf Reisen ist, im Zug notabene, trifft man auf allerhand Leute und könnte ganze Bücher über das Verhalten verschiedenster Typen und Lebensweisen schreiben. So war einst neben mir ein alter, voll tätowierter Däne, der sich immerhin mit fünf Halbliterdosen Bier und gelegentlichem Schluckauf die Fahrt verschönerte. Da war eine gestresste junge Mutter auf der Strecke von Göteborg nach Stockholm, die sich ihre Nachkommen im halben Zug zusammensuchen musste. Oder da war diese alte Dame und ihr Handy. So geschehen im Zug von Malmö zurück nach Stockholm, eine 5-stündige Reise und somit hatte es etliche Passagiere, die es sich im Sitz gemütlich machten und versuchten zu schlafen. Doch mit dieser alten Dame 2 Sitzreihen diagonal vor mir hat niemand gerechnet. Rechts neben dem Sitz hatte sie eine schöne weisse Lederhandtasche mit Reissverschluss und auf dem Schoss ein paar Hefte über den Garten oder so, ganz genau hab ich das nicht gesehen. Und plötzlich, ja plötzlich trällert es aus der Tasche, als wäre gerade das Hunnische Symphonieorchester mit einer rassigen Polka zu Pferd in den Waggon hineingestürmt. Der arme Kerl in der Sitzreihe neben der Dame bekam wohl den Schock des Lebens und dass er sich nicht instinktiv auf den Boden warf, verdankte er wahrscheinlich den relativ engen Platzverhältnissen in so einem Waggon. Verübelt hätte ich es ihm nicht. Auch muss ich wohl nicht erwähnen, dass die Schlafsuchenden dem eigentlichen Ziel alles andere als nah waren.
Und die Dame? Nun, die alte Dame mit ihren Heftchen reagierte zuerst einmal nicht. Dann, so nach 10 Sekunden realisierte sie die Musik und machte ein Gesicht, als hätte es an diesem schönen Sommertag plötzlich angefangen zu regnen. Griff nach rechts zur Tasche um erstmals den ganzen Sack auf den Schoss zu legen. Reissverschluss auf, ramsch, ramsch, ramsch, ramsch und plötzlich hatte sie ihr trällerndes Hunnenorchester auf dem Schoss und schaute es ganz lange, ganz böse an. Nach eingehender Untersuchung des Umstandes fand sie dann doch noch den Knopf zur Annahme des Gesprächs und sprach ein paar wenige, unverständliche Worte, bevor sie sich wieder mir nichts, dir nichts, der Gartenzeitschrift widmete. Ein kurzer aber heftiger Spuk und bald einmal nahmen die sichtlich irritierten Mitreisenden erneuten Anlauf, die Zugstrecke schlafend hintersich zu bringen.. dieser Anblick war eine einmalige Szenerie und der Gedanke daran bringt mich heute noch zum Schmunzeln. :)
Zurück in Stockholm war ich an diesem Abend noch mit den Leuten aus dem Evil Liz Haus unterwegs. Dort geht alles seinen gewohnten Lauf. So hat Evil Liz nun Thomas beschuldigt, er versuche sie zu vergiften und wie mir gestern mitgeteilt wurde, hält sie sich auch öfters in seinem Zimmer auf und durchwühlt seine Sachen. Da Thomas noch ganze 10 Monate bleibt (aber ab Juni eine andere, eigene Wohnung hat), werden wir einen Weg suchen, ihr die Hölle so heiss wie möglich zu machen. Wer gute Ideen hat, darf sich sehr gerne bei mir melden.
Aja, das hätte ich fast vergessen: Die Tiroler-Party war der Hammer! Knödel und Österreichischen Wein, Bier und Wurst und so zwei singende Almdudler brachten die Leute ziemlich in Schwung. Thomas Ravelli, der ehem. Schwedische Nationaltorhüter wurde mir vorgestellt (naja, der kannte mich vermutlich schon 10 Sekunden später nicht mehr), oder auch sonst noch so ein paar Typen aus Sport und Politik. Knödelprominenz, würden wir dem wahrscheinlich sagen, in Anlehnung an die Schweizerische Cervelat.
Sowieso trifft sich die halbe Welt in Stockholm, ein paar Niederländer, Deutsche oder gar eine aus Vancouver habe ich kennegelernt und gerade hat mir Marcus, ein Arbeitskollege, gesagt, dass Roman Abramovich mit seinem Schlauchboot in Södermalm angelegt hat. Das ist immerhin mit 114.50 Meter Länge, zwei Helikopterlandeplätzen und weiss-nicht-wie-vielen Luxuszimmern und Sälen die grösste, je gebaute Yacht der Welt. Werde vielleicht heute Nachmittag mal vorbeigehen und ihm die besten Grüsse aus der Schweiz bestellen.
So, wie ihr merkt, habe ich nicht wirklich viel zu erzählen und ich denke, dass in 2 Wochen, wenn unsere grossen EM-Events durch sind, es vielleicht mehr Gesprächsstoff zur Arbeit oder so geben wird. Ich hoffe, dass ihr euch bis dahin gedulden könnt und möchte mich an dieser Stelle für die vielen netten Kommentare bedanken - es macht 10 Mal mehr Spass zu schreiben, wenn man weiss, dass es auch gelesen wird.
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