Nun, ich habe ja in meinem vorangehenden Beitrag bereits erwähnt, dass ich in einem kalten Zimmer wohne, ein bisschen ausserhalb von Stockholm (allerdings nur 15Min. von Tür zu Tür!), mit einer etwas geldgierigen Vermieterin. Schön und gut.
Man muss sich das Haus so vorstellen: es ist in einem ruhigen Quartier,doch nahe einer Schnellstrasse, ein bisschen auf einem Hügel und müsste mal frisch gestrichen werden. Rund herum hats, obwohl ich noch nie hinter dem Haus war, viel Gestrüpp und es sieht eher wie bei Dornröschen aus, als wie bei Prinzessin Madleine vor dem Schloss. Kommt man unten durch den vermutlich weissen Gartenzaun, gibts gleich eine Gartentreppe nach oben, welche zu den drei potentiellen Hauseingängen führt. Der Eingang zur Wohnung wo ich wohne, ist der Unweiteste zur Gartentreppe.
Meine Vermieterin wohnt vermutlich auch in diesem Haus, genauer gesagt in einer Wohnung über meiner Wohnung, so genau weiss ich das nicht. Ebenfalls wohnt noch jemand anderes in der Wohnung meiner Vermieterin, aber wer das sein könnte.. den Schritten und den unverständlichen Worten muss es sich um ein männliches Wesen handeln. Aussen wie in der Wohnung, in der ich lebe, hat es diverse Türen, die verschlossen sind und bei welchen ich keine Ahnung habe, wohin sie führen. Einen Schlüssel für die Wohnungstür hab ich, fürs Zimmer wollte sie mir keinen geben, "solange keine andere, zusätzliche Person mit mir die Wohnung teile".
Nun, in meiner Wohnung ist es zudem (wie erwähnt) ziemlich kalt und gleich bei der Ankunft musste ich auch bemerken, das die Toilette nach dem Betätigen des selbstgebastelten Spühlhebels nicht automatisch den Spühlkasten schliesst und entsprechend das Wasser nur so den Bach runter läuft. Auf diesen Umstand aufmerksam gemacht, meinte die Vermieterin (nennen wir sie doch Evil Liz), sie hätte den Plumber bereits bestellt, am Freitagnachmittag werde das repariert. Super.
Freitags war ich am Nachmittag auf Stadtbummel, am Abend blieb ich zu Hause und las in einem Buch, dass ich mir bei Ahlens im Stadtzentrum gekauft habe. Die Toilette, sie ist gleich neben meinem Zimmer, war zu diesem Zeitpunkt nicht geflickt, gestört hat mich das aber irgendwie auch nicht, weil der selbstgebastelte Spühlhebel tat mit ein bisschen Übung auch seinen Dienst. So gegen Mitternacht, glaub ich, bin ich dann eingepennt. - 1 Stunde - 2 Stunden - 3 Stunden - Um 4.00 morgens rumpelt es in der Wohnung: Schritte, Werkzeuge, hie und da ein Keuchen. Der Boden wie die Wände sind so dünn, dass man jeden Schritt durchs Holz knarren hört; ich habe gesehen, dass selbst die Mäuse noch Gummisohlen anziehen, um unentdeckt zu bleiben, nicht zu erwähnen, dass sie untereinander nur flüstern.
Nun war ich wach. Hellwach und ich wusste, dass da einer im Badezimmer seinen Unfug trieb. Einfach so kam er aber sicher nicht rein, die Vermieterin hat an jedem Fenster und an jeder Tür diese batteriebetriebenen Alarmdinger installiert, keine Chance ungehört einzubrechen. Mir war klar, dass er einen Schlüssel hatte. Ich weiss nicht, wie es euch geht, aber morgens um 4 eine WC-Schüssel zu reparieren, fand ich doch ein bisschen schräg. Also machte ich mich auf und ging in den Gang. Draussen vor meiner Tür kniete ein Mann mit grüner Skijacke auf dem Boden, um sich herum ein paar Werkzeuge verstreut und die Kapuze der Jacke tief ins Gesicht gezogen, damit ich ihn ja-nicht sehen konnte. Mein "hej" beantwortete er mit einem unverständlichen und kurzen Grummeln und irritiert wie ich war, lief ich zuerst mal in die Küche. Nach einem halben Glas Wasser und kurzer Bedenkzeit ging ich zurück und fragte, ob ich denn etwas Helfen könnte (da ich schon wach war, fand ich dieses Angebot mehr als angebracht), doch auch hier war die Antwort ein zwar diesmal etwas längeres Grummeln, jedoch ohne Gesicht und ohne grössere Konversation. Seine Hand zeigte unmissverständlich, dass er die Lage selbst im Griff hätte.
Zurüch in meine Zimmer fand ich das natürlich jetzt gar nicht mehr so lustig. Ich meine, dass einer morgens um 4 noch herumwerkelt, ging noch, dass er sein Gesicht nicht zeigen wollte, fand ich äusserst suspekt und war Grund genug, dem Schlaf noch ein Weilchen fern zu bleiben. Es blieben mir zwei Varianten: Entweder ist er der meistgesuchteste Kriminelle Schwedens, der sich in unserem Haus versteckt, oder es ist der Bruder von Quasimodo, weshalb er sein Gesicht nur an Familienfeiern zu erkennen gibt.
Ein paar SMS in die Runde brachten irgendwie nicht den gewünschten Effekt, waren um 04.30 doch eigentlich alle noch am Schlafen. Doch plötzlich besann ich mich, dass Freund Moritz in Singapur ja 6 Stunden voraus war und Freund Yves meist das Handy angestellt liess, da er sowieso noch was fürs Geschäft erledigen musste. Es waren denn auch wirklich die Beiden, die geantwortet haben. Wir kamen durch zahlreiche SMS übereins, dass die Polizei wohl nicht wirklich zu holen ist, soweit war der Kerl draussen ja auch nur die Toilette am reparieren. Mein Zimmer jedoch stand ab diesem Zeitpunkt unter Alarmzustand.
So gegen 06.00 war der Spuk vorbei und der Kerl war weg. Ich ging nach draussen und musste verdutzt feststellen, dass gar nix verändert wurde. Nix geflickt! Nun war's genug. Kurz mit Moritz abgesprochen, lief ich die 150m zur nächsten Bahnhaltestelle und wählte übers Handy 112. Die Notrufnummer in Schweden ist für alles gut, ob man nun die Feuerwehr, die dargebotene Hand, die Polizei oder wie ich, die Geisterjäger brauchte. Der sehr freundliche Herr am anderen Ende meinte, nach Schilderung meiner Lage (ich meine, ich habe ihm auch gesagt, dass ich vermutlich obdachlos bin, wenn sie mit einem Grossaufgebot ein Haus stürmen, wo ich nur Untermieter bin) meinte er, ein Rapport müsse dann wohl reichen, beim nächsten Mal solle ich die Polizei rufen, wenn der Kerl noch im Hause isei.
Samstagnachmittag habe ich dann durch ein Kurzmitteilung Evil Liz klar gemacht, dass ich solche Aktionen nicht sonderlich toll finden würde. Ihre Antwort war kurz und klar: ich sei undankbar, schliesslich seien die Arbeiten ja zu meinen Gunsten ausgeführt worden. Aha! Bitte entschuldigen Sie! >> Dumme Kuh....
Samstagabend war dann ganz gemütlich. Helena, momentan Austauschstudentin in Fribourg doch an diesem Wochenende wegen Onkelgeburtstag in Stockholm, nahm mich zu einem Sushi-Essen mit und danach lernte ich noch ein paar Bars und Clubs kennen. Die einen näher, die anderen aus der Ferne. So gegen Viertel vor Vier war ich dann zu Hause und im Bett. Kaum 45Minuten geschlafen, kam der laute Quasimodo wieder (ok, diesmal kam er 30 Minuten später als in der Nacht zuvor, aber wer von uns schläft am Sonntag nicht auch gerne mal ein bisschen länger). Also, der Laute kam. Ich meine, ich hatte schon das eine oder andere Bier, aber auch nicht sooo viel, dass ich das Austauschen einer ganzen WC-Schüssel um morgens um halb 5 nicht mitkriegen würde!! Doch auch diesmal habe ich die Polizei nicht gerufen und auch diesmal war er um 6.00 wieder weg. Der Sonntag begann.
Mir war es dann irgendwie zu blöd, Evil Liz nochmals eine SMS zu schicken, obwohl die Toilette noch nicht ganz fertig repariert / installiert war. Ich verbrachte den Sonntagnachmittag mit Lesen und ging noch ein fettes z'nacht einkaufen. Irgendwann begann es zu regnen und es wurde so kalt, dass ich mit meinem Buch in die Küche ging und neben einer heissen Tasse Tee zuerst den Backofen auf 250° und dann mit geöffneter Backofentür die Küche auf 25° vorheizte. Summerfeeling pur, trotz Regen.
Plötzlich klopfte es an der Wohnungstür. Man muss wissen, dass es gleich nach dem kleinen Eingangsbereich der Wohnungstür links zur Küche geht. Ich ging nicht öffnen, Besuch erwartete ich erst in 10 Tagen und als Schweizer ist man meistens überpünktlich. Es klopfte noch einmal. Aus dem Küchenfenster sah ich zwei Gestalten vor der Tür, jung und verregnet. Erster Gedanke: Die suchen ein Zimmer.
Die Tür öffnend sah ich eine junge Frau und einen jungen Mann, einer wie ich es bin und sie fragten mich, ob Evil Liz vielleicht zugegen war. War sie nicht, zumindest nicht bei mir und ich fragte sie umgekehrt, was sie denn wollten. Wie der Zufall so spielt, waren sie meine Nachbarn, am Samstag eingezogen und ich bat sie, in anbetracht des Spukes, welcher sich in diesem Haus abspielte, kurz zu mir in die (zugegebenermassen) sehr warmen Küche. Zwei Franzosen (aus Annecy, resp. von der Uni Grenoble) und meine erste Frage an sie war, ob sie es denn nicht auch als ziemlich 'bizarre' empfinden würde, was in diesem Haus geschieht. Aï, das war ein Volltreffer, wir verstanden uns prächtig und sie erzählten mir ihre Geschichte und ich die meine und so haben wir nach einer Portion Fajitas und einer Folge 'Dr.House' in ihrer Wohnung gleich Freundschaft geschlossen. Bizarre sind das Haus, Quasimodo, Evil Liz und die vielen Alarmanlagen zwar immer noch, doch zu Dritt ist es irgendwie auszuhalten. Affaire à Suivre.
FRAGE DER WOCHE: Was meint ihr, was Evil Liz zu verstecken hat? Wer ist der Kerl mit der grünen Kapuzenjacke?
Übrigens: Auf Anraten der beiden Franzosen habe ich die Eingangstür trotz Befehl von Evil Liz mit Schloss und Riegel gestern Abend abgesperrt. Heute morgen um 05.00 (der Montag scheint nicht sein Ding zu sein) hörte ich dann jemanden an der Tür und kurz darauf wieder die Schritte über meiner Decke - später erhielt ich dann auch eine Message von Evil Liz, ich solle die Tür gefälligst nicht so verriegeln. Doch ich sage euch, ich werde es auch heute Abend wieder tun. :)
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
3 Kommentare:
Deine Abenteuer sind echt spannend! Besser als ein Buch oder Film
Ich glaube ja, dass der Kapuzemann Evil Liz's Sohn ist, der an einem Ödipus-Komplex leidet. Die Kälte, die ihm von seiner Mutti aber entgegengebracht wird, treibt ihn mitten in der Nacht in deine Wohnung resp. zu deiner Kloschüssel auf der Suche nach etwas Wärme und Geborgenheit. Evil Liz selber betreibt vermutlich ein florierendes Drogengeschäft. Die Haustür soll wohl offenbleiben, damit sie Ihren Stoff da zwischenlagern kann.
Wünsche Dir jedenfalls einen guten Schlaf.
Liebe Grüsse Denise
Sleepless in Stockholm...
du tust mir ja echt ein wenig leid! Aber hammer Story. Die in der Bib fragen sich, weshalb ich mich ständig total kaputt lache..
Nun zu deinen Verdächtigen:
Evil Liz hat bestimmt ein paar Leichen im Keller...äh ich meine in der Toilette versteckt, die dringend raus müssen, bevor du sie entdeckst und sie in den Knast bringst.
Quasimodo hingegen ist einfach ein armer Kerl, der wie "Edward mit den Scherenhänden" Nachts aus seiner Grube kekrochen kommt und gegen Entgeld der alten Hexe zu Dienste stehen muss.
Also an deiner Stelle würde ich mal etwas nachspionieren und eventuell doch noch die Bullen rufen:-)
Freue mich schon auf die Vortsetzung!!!
Lg aus Fr
deine Sophie
Hallo
Spannend Deine Geschichten aus dem Norden. Echt schreib doch mal ein Buch/Krimi.....da kannst Du blumig erzählen - nicht so wie in Deiner Masterarbeit ;-).
Meine Vorahnung:
Quasimodo ist ein grausamer Massenmörder der "sein Ding" vorbereitet und bald zuschlägt. Also verigle mal sicherheitshalber die Tür.
Devil evil Liz ist nur eine Geldgierige Frau, welche nur ein kleiner Nebenspieler ist in der Geschichte. Aber jemanden muss man ja das Verbrechen anhängen können.
ALso ich freue mich auf die Fortsetzung aus Lukas Geschichten.
Gruss
Ex-Büromitbewohner
Kommentar veröffentlichen